Historische Spurensuche in Freiburgs Partnerstadt Lviv
Von Bettina Schulte
Es lohnt sehr, sich noch einmal mit Philippe Sands 2018 erstmals aus Deutsch erschienener Spurensuche in Freiburgs Partnerstadt Lviv (Lemberg) zu beschäftigen. Der Anlass ist gegeben: Der berühmte britisch-französische Anwalt für Menschenrechte und Autor wird am 11. Oktober in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten.
„Rückkehr nach Lemberg“, ein Buch von fast 600 Seiten Umfang, ist ein Glücksfall. In vielerlei Hinsicht: Zum einen erzählt Sands - und er kann erzählen! - die Geschichte seines Großvaters Leon Buchholz, der in Lviv geboren wurde und sich in Wien als Spirituosenhändler etablieren konnte, bis am 12. März 1938 die Nationalsozialisten in Österreich einmarschierten und Leon Buchholz zunächst allein nach Paris emigrierte, wo er hochbetagt starb.
Zum anderen verknüpft er seine Familiengeschichte mit der Geschichte zweier jüdischer Juristen, die in Lemberg studierten und später an der Herausarbeitung zweier völkerrechtlicher Begriffe arbeiteten, die ihren Ursprung in der Verfolgung und Ermordung der Juden durch den NS-Staat haben: „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ und „Genozid“. Ihre Namen: Hersch Lauterpacht und Rafael Lemkin. Lauterpacht wurde 1897 in einer Kleinstadt wenige Kilometer von Lemberg entfernt geboren, schrieb sich 1915 an der juristischen Fakultät in Lemberg ein und siedelte 1923 mit einer jungen Ehefrau nach London über, von wo er die Entwicklungen in Lemberg, wo ein Großteil seiner Familie lebte, mit größter Sorge verfolgte. 1937 wurde er auf den Lehrstuhl für Völkerrecht an der Universität Cambridge berufen und ruhte nicht in dem Bemühen, die Weltöffentlichkeit auf die Verbrechen des NS-Staats hinzuweisen. Nach dem Krieg nahm er als Beobachter am Nürnberger Kriegsverbrecherprozess teil.
Rafael Lemkin, der sein Leben lang um die juristische Anerkennung des Tatbestands Genozid rang, studierte wie Lauterpacht Jura in Lemberg, fünf Jahre lang, von 1921 bis 1926, und arbeitete bis zur Machtergreifung als Staatsanwalt in Warschau. Danach ließ er sich in der Stadt als Rechtsanwalt nieder. Nach dem deutschen Überfall auf Polen emigrierte er über Schweden in die USA. Er wäre auch gern in Nürnberg dabei gewesen, doch seine Auffassung vom Völkermord stieß nicht auf ungeteilten Zuspruch.
Von Lemberg aus, das - je nach Landnahme - im Buch Lwow, Lwów oder Lwiw heißt und das topografische Zentrum des Buches bildet, spinnt Sands die Fäden seiner weiträumigen Erzählung bis hinein die Gegenwart, in der er mit Zeitzeugen spricht und mit Niklas Frank, dem Sohn des polnischen Generalgouverneurs Hans Frank, den Saal 600 des Nürnberger Justizpalasts besucht, in dem 1945/56 der Kriegsverbrecher-Prozess stattfand. Ein eigenes Kapitel seiner hervorragenden historischen Recherche hat Sands dem furchtbaren Juristen Frank gewidmet, der unter Hitler rasant Karriere machte und in Polen unmittelbar mit der Vernichtung der Juden befasst war: ein empathieloser Mensch, der sich gern dem Klavierspiel hingab und wie ein Fürst auf dem Krakauer Wawel-Schloss, dem Sitz der polnischen Könige, residierte. Er wurde in Nürnberg zum Tode verurteilt.
Die in einzelnen Kapiteln entwickelten Geschichten von Sands’ Protagonisten setzen sich zu einem lebendigen, ungemein spannenden zeithistorischen Panorama zusammen. Besonders brillant ist die juristische Perspektive des Autors, unter der er mit größter Expertise die Auseinandersetzung um die Begriffe „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ (Lauterpacht) und „Genozid“ (Lemkin) verfolgt. Eins ist „Rückkehr nach Lemberg“ nicht: Anklage und Verurteilung. Sands berichtet, was er weiß. Nach Juristenmanier: sine ira et studio. Ohne Zorn und Eifer. Vielleicht ist sein Buch gerade deshalb so bewegend.
Philippe Sands: Rückkehr nach Lemberg. Über die Ursprünge von Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Eine persönliche Geschichte. Aus dem Englischen von Reinhild Böhnke. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2019 (6. Auflage 2026). 590 Seiten, 19 Euro.