Texte zur Verleihung des Walter Mossmann-Preise 2026
Geistergeschichten
von Anastasiia Kosodii
Übersetzung aus dem Englischen: Katja Meintel
Bei allen Berliner Partygesprächen geht es neuerdings um Krieg. Das Problem mit dem Thema ist, dass man damit nur schwer eine Diskussion am Laufen halten kann, wenn man selbst den Krieg noch nicht von innen erlebt hat. Ein Aberglaube schleicht sich ein: Als könnte uns der Krieg, wenn er zu oft erwähnt wird, hören und seine Schritte beschleunigen. In der Wohnung meiner deutschen Freundin gibt es einen neuen Gegenstand – ein Geschenk ihrer schon älteren Mutter: ein kleines Radio, das gleichzeitig als Taschenlampe dient; es lässt sich manuell aufladen, indem man eine Weile an der Kurbel dreht. „Ein hübsches Geschenk, und nützlich“, bemerken die Gäste bei Tisch.
In einer Szene in Anastasiia Kosodiis Drama „Acht kurze Kompositionen über das Leben der Ukrainer*innen für ein westliches Publikum” tauchen Vögel auf, die gelernt haben, zu singen, als würden Raketen fallen. Es sind Stare. Sie imitieren die Geräusche, von denen sie tagtäglich umgeben sind. Sie öffnen die Schnäbel, sie singen los, und es klingt, als seien Raketen im Anflug.
Als Didi Danquart mich fragt, ob ich über politisches Theater sprechen möchte, hatte ich sofort einen ganzen Bienenschwarm im Kopf. Durcheinanderfliegende Fragen: Was ist politisches Theater? Und ganz grundsätzlich: Kann Theater unpolitisch sein?
Hannah Arendt schreibt: „Politik beruht auf der Tatsache der Pluralität der Menschen.“
Zur Auszeichnung von Anastasiia Kosodii mit dem Walter Mossmann-Preises 2026
Von Theresia Walser im Namen des gesamten Kuratoriums der Walter Mossmann Gesellschaft
Im Jahr 1993 stehen zwei Männer an einer Bushaltestelle in Lviv, der Partnerstadt Freiburgs. Die beiden fallen auf – sie sind mit einer Kamera ausgerüstet. Sie filmen eine ganze Weile Leute, die versuchen, in einen Bus zu steigen, der längst aus allen Nähten platzt – was aber niemanden davon abhält, sich weiter hineinzuquetschen …