Undine geht
von Susanne Fritz
Ihr Menschen! Ihr Ungeheuer!
lautet einer der ungeheuerlichsten Textanfänge der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. Nicht Undine, die verführerische Meerjungfrau, ist das todbringende Monster, es sind die Menschen, die Ungeheuer mit Namen Hans, kurz: die Männer, die Tod und Vernichtung in die Welt bringen. Die Dichterin dreht den Mythos, nach dem die Frau Ursache des Verderben ist, endlich um – und schreibt mit UNDINE GEHT einen Monolog, der so dringlich und drängend ist wie er sich zugleich allen Eindeutigkeiten und Vereinnahmungen entzieht. Die hoch bewusste Dichterin schrieb Literatur wie Musik, wohl auch deshalb haben viele ihrer Werke auf die Bühne gefunden. Tatsächlich wurde UNDINE GEHT 1961 zuerst im Rundfunk gesendet, erschien gedruckt erstmalig in der FAZ, danach im Erzählband DAS DREISSIGSTE JAHR.
Am 25. Juni 2026 wäre Ingeborg Bachmann einhundert Jahre alt geworden. In diesem Zusammenhang habe ich mich an eine besondere Inszenierung am Freiburger Theater erinnert. Es war die aufregende Ära des Intendanten Friedrich Schirmers (1989–1993), mit Marie Zimmermann und Carl Hegemann als Chefdramaturgen und dem „Regieberserker“ Jürgen Kruse als Oberspielleiter. Ich war damals Regieassistentin und Abendspielleiterin für die unterschiedlichsten Produktionen. (Das war, nebenbei, lange Zeit vor me too ….)
Etwas im Windschatten dieser von Rock und Pop tönenden, herrlich grell-bunt-lauten Theateratmosphäre fand sich ein ungewöhnliches Produktionsteam zusammen, um Bachmanns UNDINE GEHT auf die Bühne des Kammertheaters zu bringen.
Die Initiative ging von der Schauspielerin Sigrun Schneggenburger aus, die den Text viele Jahre mit sich herum trug, wie sie in einem Interview mit dem Kulturjoker erzählte, um ihn schließlich Walter Mossmann vorzuschlagen. Der ließ sich auf das Abenteuer ein, holte den Komponisten und persönlich Vertrauten Cornelius Schwehr hinzu, Elisabeth Pedross entwarf Bühnenbild und Kostüm. Der Hauptgedanke war, eine menschliche Figur nimmt diesen Text in den Mund und irgendwann in den Körper und in die Phantasie, erläuterte Walter Mossmann, der hier zum ersten Mal die Rolle des Theaterregisseurs einnehmen sollte, seinen Ansatz.
Die Probearbeiten waren intensiv, um nur das mindeste zu sagen. Walter und Sigrun – beide hochintelligent, leidenschaftlich und künstlerisch anspruchsvoll – schenkten sich nichts und fochten jeden Satz der Dichter-Philosophin Bachmann aufs Persönlichste mit- und gegeneinander aus. Als weitere Mit- und Gegenspielerin fungierte Cornelius Schwehrs Bühnenmusik mit Motiven Franz Schuberts, eine Musik, die berührt und betrügt, zur selben Zeit, wie der Komponist erklärte.
Das große Theaterwagnis feierte am 14. Februar 1992 auf der kleinsten Bühne des Freiburger Theaters Premiere, mit erfreulichem Erfolg bei Publikum und Presse. Hier ein Auszug aus einer Kritik, die den Geist dieser Arbeit (und den Walters!) gut zum Ausdruck bringt:
In der Süddeutschen Zeitung schreibt Rezensent Rainer Stephan: Das dramaturgische Problem dieses Textes ist seine unerhörte Poesie; selbst wo er vom radikalen Scheitern redet, wo er den grässlichen Schmerz der Verzweiflung hinausschreit, dominiert ihn die Schönheit seiner Sprache. Sigrun Schneggenburger hat jene poetische Qualität von UNDINE GEHT folgerichtig als Moment des Widerstands begriffen, an dem die Darstellung auf der Bühne sich abzuarbeiten hat. Und wie sie arbeitet! 75 Minuten lang kämpft sie im Freiburger Kammertheater mit kühnem und beängstigendem Körpereinsatz gegen die betörende Undinen-Magie dieser Sprache an. Das Experiment gelingt: Kein ätherisches Geschöpfchen (und schon gar keine sensible Jungdichterin) scheitert da an einer Welt, für die sie – beliebtes Männerklischee – nun einmal viel zu gut war. Sondern eine starke und kluge Frau setzt sich mit allen Mitteln zur Wehr und geht am Schluss nur deshalb zugrunde, weil es auch für die stärkste und klügste Frau keine andere Möglichkeit gibt als zugrunde zu gehen.
Susanne Fritz
Freiburg im September 2026