Zur Auszeichnung von Anastasiia Kosodii

Begründung der Jury

Von Theresia Walser im Namen des gesamten Kuratoriums der Walter Mossmann Gesellschaft zur Vergabe des Walter Mossmann-Preises 2026

Im Jahr 1993 stehen zwei Männer an einer Bushaltestelle in Lviv, der Partnerstadt Freiburgs. Die beiden fallen auf – sie sind mit einer Kamera ausgerüstet. Sie filmen eine ganze Weile Leute, die versuchen, in einen Bus zu steigen, der längst aus allen Nähten platzt – was aber niemanden davon abhält, sich weiter hineinzuquetschen.

Bei den beiden handelt es sich um Walter Mossmann und seinen Freund Didi Danquart, den Filmemacher, die damals in die Ukraine gereist sind, um einen Dokumentarfilm über die postsowjetischen Zustände in der galizischen Metropole Lemberg zu drehen. Der Titel: Die geöffnete Stadt.

Von heute aus erstaunt die Hellsichtigkeit, mit der Walter Mossmann, lange bevor Westeuropa den Blick nach Osten schärfte, die Ukraine als einen Raum des aufgebrochenen Schweigens erkannte. Indem er den Austausch mit dortigen Künstlerinnen und Künstlern suchte, belebte er im wahrsten Sinne des Wortes die Verbindung zwischen den beiden Partnerstädten – als hätte er geahnt, dass sich die Frage von Freiheit und Demokratie eines Tages an den Rändern Europas entscheidet. Mit welch maßloser Brutalität Russland diese Freiheit und Demokratie eines Tages zu zerschlagen versucht, konnte damals wohl noch niemand ahnen.

Fünf Jahre vor dem Angriffskrieg wird am Lesi Ukrainki Theater in Lviv das Stück einer jungen Dramatikerin mit dem Titel Timetraveller’s guide to Donbas aufgeführt.

Es handelt von zwei Pilgern – zwei Binnenflüchtlingen –, die im Jahr 2036 mithilfe einer Zeitmaschine zurück ins Jahr 2013 reisen. Auf ihrer Reise rückwärts durch die Zeit wollen sie den Ursprung des Krieges im Donbass finden, der 2014 begann. Dieses Stück – ein bitterkomisches Roadmovie – handelt nicht nur von der Suche nach den Anfängen des Konflikts, es erzählt vor allem davon, wie Gewalt und Erinnerungen sich in eine zerrissene Gesellschaft einschreiben. Am Ende landen die beiden im Jahr 2013 in einem kleinen Ort in der Nähe von Luhansk, dem Heimatdorf von einem der beiden Pilger. Sprachlos stehen sie vor einem Garten, wo ein Bewohner eine Kuh schlachtet. „Das soll der Ursprung des Krieges sein?“, fragt der eine den anderen: „Die Schlachtung einer Kuh …?!“

Bei der Autorin, die ihr Stück mit diesem donquijothaften Twist enden lässt, handelt es sich um die 1991 in Saporischija geborene Dramatikerin Anastasiia Kosodii. Auf das bizarre Ende ihres Stückes angesprochen, antwortet sie: „Das ist der Witz, mit dem ich das Problem löse, weil es natürlich unmöglich ist, die Frage nach der Ursache des Kriegs zu beantworten. Ich habe einmal in meiner Kindheit gesehen, wie man einer Kuh die Haut abzieht. Auf die eigentliche Frage gibt es viele Antworten. Eine davon handelt von älteren Männern, die nach etwas Bedeutendem suchen, das sie in ihrem jämmerlichen Leben anstellen könnten.“

Kosodii wuchs gleichsam mit dem Theater auf. Das Theater war sozusagen ihr Kindergarten. Ihr Vater war Schauspieler am Theater in Saporischija, sie begleitete ihn oft zu den Proben. Schon immer schrieb sie gerne Geschichten, später studierte sie Journalismus in ihrer Heimatstadt.

„Ich bin so alt wie die Ukraine“, sagte Kosodii einmal. Inzwischen lebt und arbeitet sie in Kiew und Berlin. Ihre Stücke werden nicht nur in der Ukraine gespielt, sondern in ganz Europa. Sie gehört zu den AutorInnen, die den Krieg in der Ukraine schon lange vor dem russischen Angriff zum Thema ihrer Arbeit gemacht haben. Als Dramatikerin und Kulturmanagerin arbeitet Kosodii mit NGOs in der Ostukraine und in Städten zusammen, die an der Frontlinie des Krieges liegen. Ihre Karriere begann sie als Mitbegründerin des Theaters Zaporizhzhian New Drama (Zaporizka nova drama) in Saporischschja. Ihre ersten Stücke mit dem Titel Bring mir aus Lviv mit, was es in Saporischjia nicht gibt und Wer hat deine Pferde gestohlen standen 2014 und 2016 auf der Shortlist des „Week of Modern Plays Festival“ in Kiew.

2017 wurde sie Mitglied des Projekts „Krieg im Frieden“, organisiert vom Gorki Theater und dem Literarischen Colloquium Berlin. Das Stück Timetraveller’s guide to Donbas ist im Rahmen dieses Projekts entstanden. 2019 wurde Kosodii Chefdramaturgin des PostPlay Theaters in Kiew. Im selben Jahr war sie als Dramatikerin am Projekt „City To Go“ beteiligt, das in drei Städten der Region Donezk und Lugansk – in Bakhmut, Popasna und Mykolaivka – mit Kindern aus dortigen Schulen aufgeführt wurde. Im Jahr 2020 schrieb sie das Stück Was ist jüdische Musik – es geht um ukrainischen Antisemitismus, basierend auf dokumentarischen Interviews über den Holocaust. 2021 erarbeitete sie gemeinsam mit Natalia Vorozhbyt das Stück Krim, 5 Uhr morgens – ein internationales Projekt, das politischen Gefangenen gewidmet ist und auf Menschenrechtsverletzungen auf der besetzten Krim aufmerksam macht. 2022 organisierte sie eine Reihe von Lesungen mit dem Titel „Vom Krieg“ – Ukrainische Dramatikerinnen erzählen vom Leben während der Invasion durch Russland. Diese Lesungen fanden in ganz Europa statt. innen für ein westliches Publikum setzt sich mit den Ungeheuerlichkeiten des Kriegs auseinander. 2022/ 23 wird Kosodii Hausautorin am Nationaltheater Mannheim, wo sie ihr Stück Wie man mit Toten spricht in eigener Regie zur Uraufführung bringt. Mit einer eindringlichen sprachmusikalischen Partitur erinnert sie an Menschen und Städte, die der Krieg genommen hat.

In Kosodiis Theaterstücken bevölkern Figuren die Bühne, die inmitten ihres Alltags die Ungeheuerlichkeiten eines Krieges durchhalten müssen. In einer Welt, die sich an den Krieg und an die steigenden Opferzahlen zu gewöhnen scheint, suchen sie unermüdlich nach einer Sprache, um von Unsagbarem zu erzählen. In einem ihrer Stücke heißt es:

„Ich weiß nicht wie ich über den Krieg schreiben soll
Worte haben ein kurzes Haltbarkeitsdatum kürzer als Milch
morgen
öffnet ihr die Nachrichten und alles ist anders“

Diese Spracherfahrungen sind es, die Kosodiis Texte prägen. Sie lässt uns als Publikum an ihrer Suche nach Sprache teilhaben – einer Sprache, die nach Sprache sucht. Sie setzt uns der Dünnhäutigkeit und Zerbrechlichkeit von Worten aus, die in immer neuen Formen Halt suchen. Sie erweist sich dabei als Meisterin der Abgründe zwischen den Zeilen. Ihre Sprache bebt auf subtile Weise, als tobe unter ihren Sätzen immer ein leiser Tumult.

Es ist uns eine Freude, den Walter Mossmann-Preis 2026 an eine Autorin zu verleihen, der es gelingt, Unfassbares zum Klingen zu bringen – mit einem Mut und einem Engagement, das mit den Mitteln des Theaters weit über das Theater hinausweist.

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