Laudatio auf Anastasiia Kosodii
anlässlich der Verleihung des Walter Mossmann Preises 2026
Liebe Nastiia!
In einer Szene in Anastasiia Kosodiis Drama „Acht kurze Kompositionen über das Leben der Ukrainer*\innen für ein westliches Publikum” tauchen Vögel auf, die gelernt haben, zu singen, als würden Raketen fallen. Es sind Stare. Sie imitieren die Geräusche, von denen sie tagtäglich umgeben sind. Sie öffnen die Schnäbel, sie singen los, und es klingt, als seien Raketen im Anflug.
Diese Stare sind in einem von mehreren TikTok-Videos zu sehen, die die Autorin vorschlägt, in der sechsten Komposition des Stückes abzuspielen. „Zum Luftholen“, wie sie schreibt - eine Art Verschnaufpause also inmitten der Schilderungen von einem Alltag im Krieg. Nur sorgen die hier gezeigten Videos mitnichten für Ablenkung. Ja, sie sind manchmal witzig, zum Teil sind sie absurd. Aber alle sind sie schmerzhaft und poetisch und kurz, so wie das Vogel-Video. Ich komme nicht umhin zu denken, dass Anastasiia Kosodiis Texte auf uns wirken wie diese Stare: Man ist in der Natur, genießt die Schönheit, schaut einem Vogel dabei zu, wie er den Schnabel aufreißt. Heraus kommen Kriegsgeräusche, aber eben auch Gesang.
Oft macht sich Anastasiia Kosodii darüber lustig, dass das ukrainische Volk für eine „liedreiche Nation“ gehalten wird oder sich selbst dafür hält: „… die ukrainische Nation singt so viel wie keine andere das denken zumindest die Ukrainer*innen selbst …“ heißt es in den „Acht kurzen Kompositionen“. Auf eine Art kann man die Texte von Anastasiia Kosodii auch singen.
Allerdings konnte Anastasiia Kosodii nach der gewaltsamen Auflösung der Proteste auf dem Majdan am 26. Januar 2014 und nach der Kriegsausweitung am 24. Februar 2022 keine Musik etwas sagen; keine hielt den Geschehnissen stand: „ich glaube nicht dass es so eine Musik gibt“, schreibt sie in den Kompositionen. Also komponiert sie diese selbst. „Lieder die Musik hätten sein sollen aber die Musik hat sich noch nicht wiederentdeckt die Worte haben sich auch noch nicht eingefügt existieren in Erwartung“.
Das scheint mir ein Schlüssel zu Anastasiia Kosodiis Sprachmagie zu sein: Sie besteht aus Worten in Erwartung. Diese Worte harren aus am Straßenrand, ihre mageren Silhouetten zum Zerreißen gespannt. Sie warten darauf, dass sie wieder nach Hause dürfen. Dass sie etwas anderes dürfen, als von den Schrecken des Krieges zu erzählen. Sie warten auf den Frieden. Darauf, im eigenen Bett zu schlafen. Bis dahin umkreisen sie das Unsagbare. Strahlen durch das Dickicht einer blutigen Gegenwart.
Zu den Eigenarten von Anastasiia Kosodiis Schreiben gehört, dass nach und nach die Satzzeichen aus ihren Texten verschwinden. Keine Punkte, keine Kommata, den wartenden, bis zum Zerreißen gespannten Worten fehlen die Wände, um sich anzulehnen. Um eine Pause einzulegen. Vermutlich, weil in der Wirklichkeit, um die es Anastassia Kosodii geht, niemand Zeit für einen tiefen, ruhigen Atemzug hat, warum sollten sie dann die Worte bekommen.
Durch diesen Verzicht auf Interpunktion verlieren ihre Sätze den gewohnten Rhythmus, und ein Schaukeln setzt ein. Oft genug schwankt der Boden unter den Füßen weiter, nachdem man an das Ende eines Theaterstücks gelangt ist. Wie bei Matrosen, die lange auf See gewesen sind und die sich nun, zurück auf dem Festland, an die vermeintliche Stabilität der Verhältnisse erst wieder gewöhnen müssen. Anastasiia Kosodiis Theaterstücke sind wie die Schiffe. Sie bringen uns in unbekannte Gewässer, lassen uns Sturm erleben, Meeresungeheuer erblicken. Wir hören Schreie aus den Kabinen, Gesänge von unter Wasser. Wir sehen Menschen kämpfen, wir sehen Menschen einander lieben und wie sie gehen. Und dann, zurück am Ufer des Bekannten, wirken unsere Leben hier im vermeintlichen Frieden, in vermeintlicher Sicherheit, in dem vermeintlichen Westen, ungewohnt. Seltsam. Fragwürdig. Nicht, weil Anastasiia Kosodii uns den sogenannten Osten erklärt, sondern weil sie den richtigen Ton findet, von der conditio humana zu erzählen.
Anastasiia Kosodii erklärt nicht. Wie Dichter\innen es eben tun, breitet sie ihre Welt vor uns aus, kompromisslos, ohne uns Geografie- und Politiknachhilfe zu geben. Mit der Dichterin Esther Kinsky könnte man sagen: Autor\innen sind keine Fremdenführer\innen. Es ist nicht ihre Aufgabe, einen Sachverhalt zu erklären. Das Erleben zu veranschaulichen – ja, indem man unvergessliche Figuren und Situationen schafft, das ist die Aufgabe der Kunst. Aber niemals sind Künstler\innen Botschafter*\innen. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass es sich bei dem Begriff „Nationaldichtung“ um ein Missverständnis handeln muss. Denn die Vergegenwärtigung von Schmerz, von Leid, von Liebe und Hoffnung, kann nicht national funktionieren.
So verweigert sich Anastasiia Kosodii auch jeglicher folkloristischen Vereinnahmung. Weder dolmetscht sie für das in unserem Fall „westliche“ Publikum, noch mischt sie ihren Texten ukrainischen Worte bei, um ihren Kompositionen „exotische Würze“ zu geben.
Aus vielen Kriegen wissen wir, dass Soldat*\innen in den Schützengräben zu Gedichtbänden greifen, um der auseinanderbrechenden, sich auflösenden Welt etwas entgegenzusetzen. Die gebundene Form des Gedichts scheint die einzig hinnehmbare. Sie lässt keine unnötigen Exkursionen zu, schweift nicht ab. Es gibt nur Platz für das Wesentliche, für das Existenzielle.
Und so glaube ich, dass Anastasiia Kosodii eigentlich Gedichte schreibt. Dramatische Gedichte. Gedichte mit viel Witz und mit Handlung. Ein Kosodii-Theaterstück ist ein Gedicht mit Plot und Figuren.
Das erklärt die Länge, also die Kürze der Texte. Ihre ungeheure Intensität. Ihren wie einen Herzschlag zwingenden Rhythmus und ihre beständige Verdichtungsdynamik, die auf engstem Raum und mit wenigen präzisen Strichen die Komplexität der gemeinten Wirklichkeit entfaltet.
Ich gebe zu, Gedichte sind selten lustig (leider). Humor sucht man in ihnen oft vergeblich – das unterscheidet sie maßgeblich von Anastasiia Kosodiis Stücken. Diese sind voller Ironie, viele Szenen sind der Form nach ein langer, melancholischer Witz. Jüdische Witze funktionieren manchmal so: ohne Pointe. Sie sind eine ausgeschmückte bittersüße Anekdote, die eher den Wahnsinn der Umstände veranschaulichen, als dass sie mit einem Lacher beeindrucken wollen.
Das Drama „Wie man mit Toten spricht“, zum Beispiel, ist voll von diesem Kosodii-Humor: „der deutsche Soldat fragte mich was meinen Sie passt die Tarnuniform die ich anhabe für die ukrainischen Steppen und Wälder ich sagte wissen Sie ich glaube das ist ein bisschen zu viel braun und schwarz … und noch was wenn es geht nehmen Sie doch Ihren Ellbogen von der Armlehne zwischen uns ich finde die Armlehne zwischen zwei Menschen in der zweiten Klasse ist eine Art no mans land“
Der deutsche Soldat, der sich in jenem no mans land breit macht, reist in die Ukraine, um dort zu kämpfen, die Figuren sprechen über Rosen und Sekt und Salz, denn der Soldat fährt nach Bachmut, in die Stadt, die dafür bekannt ist. Kurz darauf tritt der Deutsche wieder auf und berichtet:
„die Stadt gibt es nicht mehr oder besser gesagt sie brennt der Sekt brennt und die Rosen brennen das Salz brennt nicht das könnte ich mitbringen wenn du was brauchst“
Die Handschrift von Anastasiia Kosodii ist also geprägt von Humor und Poesie. Und eines der zentralen Motive ihres Schreibens ist das Verhältnis zur Zeit. Zur verrückt gewordenen Zeit. Zu einer Zeit, die vor einem liegt wie ein Haufen gebrochener Knochen. Schon in ihren frühen Texten ist ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber Kausalitätsketten, gegenüber einer linearen Ordnung der Ereignisse kenntlich.
In dem Theaterstück, mit dem ich ihre Arbeit 2017 am Maxim Gorki Theater in Berlin kennenlernte, „Timetraveller´s Guide to Donbas“, machen sich zwei Zeitreisende auf den Weg. Sie wollen aus dem Jahr 2036 zurück an den Anfang des russischen Krieges gegen die Ukraine gelangen, um den sogenannten Ursprung zu finden. Als gäbe es 2014 einen eindeutig markierten Anfang, ein Ereignis, das man identifizieren oder gar verhindern könnte.
„Und wenn ein Zeitreisender einen Fehler macht, dann kommt der Tag und kommt der Abend, und der Reisende blickt in den Himmel und sieht dort keine Sterne, und das bedeutet dann, dass sein Fehler eine irreparable Zeitverzerrung verursacht hat und er der letzte aller Lebenden im Zentrum des Paradoxes ist und das Paradox ihn bald verschluckt und nichts und niemand mehr da sein wird, weil die Zeit zu Ende ist.“
Die Zeit ist in Anastasiia Kosodiis Texten oft zu Ende. Aber weil sie immer schon der Welt der Science-Fiction und ihrer Romantik nahestand, kann sie das Danach denken. In diesem Danach sitzt man zum Beispiel am Ufer eines Flusses, der rückwärts fließt, betrachtet die Landschaft, lauscht den Vögeln in den Baumkronen, aus deren Schnäbel die Geräusche anfliegender Raketen kommen, und man blickt hoch. Und wenn der Himmel noch voller Sterne ist, dann weiß man: Die Zeitreisenden sind auf dem richtigen Kurs. Noch ist ihre Fahrt nicht zu Ende.
Anastasiia Kosodii ist so alt wie die unabhängige Ukraine. Bei Kriegsbeginn war sie dreiundzwanzig. Seitdem schreibt sie, also seit 2014. Damals, während der Revolution der Würde, hörte sie, dass Kyijewer Theatermacher*\innen auf dem Majdan Gespräche führten, die zur Grundlage des Stücks „Das Majdan Tagebuch“ wurden. Anastasiia Kosodii wollte ein ähnliches dokumentarisches Projekt mit Menschen aus ihrer Heimatstadt Saporischschja auf die Beine stellen. Was entstand, war ein fiktionales Theaterstück. „Und ab da“, sagt sie, „na ab da kamen all diese Texte …“
Trotz der sehr klaren politischen Haltung der Autorin haben ihre Texte nie etwas von littérature engagée. Dafür bergen sie zu viele Geheimnisse, sind sie zu zart. Sie verweigern sich eindeutigen Lesarten, auch weil sie oft einer Vielzahl von Stimmen Raum geben. Wir hören meist einen Chor oder eine Polyphonie, sehen aus der Multiperspektive. Fast immer ist die Erzählung selbst die Hauptfigur, eine Protagonistin mit Facettenaugen. Deshalb findet sich in Anastasiia Kosodiis Texten kein Straßenschild, das die eine richtige Richtung weist. Alle sind fehlbar und tragen einen defekten Kompass in der Tasche.
Gleichzeitig hat ihre künstlerische Arbeit stets einen Gesellschaftsbezug. Im letzten Jahr arbeitete sie mit traumatisierten Kindern und half ihnen, ihre Geschichten aufzuschreiben und selbst zu verfilmen; dabei ist der Dokumentarfilm „This is also Ukraine“ entstanden. Sie interviewte einen Kriegsveteranen, der auf dem Fabrikgelände von Azovstal in russische Gefangenschaft geriet und überlebte. Anastasiia Kosodii schrieb seine Geschichte auf, inszenierte den Text selbst.
„Alles begann mit einer Nachricht der Leiterin des Lesya-Ukrainka-Theaters in Lwiw, …“ erzählte sie. „Hallo Nastiia, ein Soldat kam in unser Theater. Er möchte, dass ein Stück über ihn gemacht wird. Kannst du mit ihm sprechen?“
Der Veteran kam zu den Proben, saß bei der Premiere in der ersten Reihe neben ihr.
Was macht es mit einem Menschen, mit einer Autorin, in einem permanenten zivilisatorischen Bruch zu leben? Wie formt er ihre Sicht? Was bedeutet es für das Vertrauen in die Außenwelt, in die Beschaffenheit des Bodens, für die Frage, ob er hält?
In den Texten von Anastasiia Kosodii geraten die Gesetze der Schwerkraft oft aus den Fugen. Mal geraten ihre Figuren ins Trudeln, mal werden ihnen die Glieder schwer, mal spürt man die Gefahr wie unsichtbare Wände, die immer näherkommen. Aber das Auge schaut immer noch in die Weite und sieht das Licht.
Jugendliche sitzen auf der Straße, spielen Gitarre und trinken. Sie singen die ganze Nacht dasselbe Lied.
In der Stadt Mariupol im Hotel Matrose essen junge Menschen psychodelische Pilze.
Der Kirschbaum trägt noch reichlich Früchte.
Die Kuh ist noch nicht geschlachtet.
Der Boden neigt sich, Dinge geraten ins Rutschen. Aber noch bietet das Bekannte Orientierung.
Die US-amerikanische Lyrikerin Claudia Rankine antwortete einmal auf die Frage, auf welchen Grundlagen sie entscheide, ob ein Text ein Essay, ein Theaterstück oder ein Gedicht wird: „Es geht nicht um die Textgattung. Das ist nicht die Frage, die ich mir stelle. Ich muss die Emotionalität einer Sache greifen können. Dafür brauche ich Worte. Alles andere ergibt sich von alleine.“
Uns so stellt sich bei Anastasiia Kosodiis Arbeiten am Ende nicht die Frage, ob diese Dokumentartheater, postdramatische Texte oder eher Gedichte und Lieder sind. Es ist auch nicht wichtig für ihr Verständnis, ob ich die Stadt Popasna oder den Fluss Wisła auf der Karte orten kann. Es geht um die Schnappatmung, die einsetzt, wenn ich in die Landschaft schaue und sehe, dass die lockere Erde, die über ein Massengrab geschaufelt wurde, sich noch bewegt.
In „Was ist jüdische Musik?“, einem Drama, in dem sich die Autorin mit der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in der Ukraine während des Zweiten Weltkriegs beschäftigt, schlägt Anastasiia Kosodii eine Antwort darauf vor, wie man über das Unsagbare spricht, nämlich:
„… wie man in die Sonne sieht
indem man sich abwendet und wieder zuwendet.“
Also indirekt, über Umwege, in Andeutungen. Die voyeuristische Lust am Kriegsgrauen und an den Gräueltaten bleibt unbefriedigt. Es ist wesentlich für Anastassia Kosodiis künstlerische Arbeit, dass sie von der Gewalt erzählt, in dem sie auf die Ränder der Wunde blickt. Das Zentrum des Schreckens selbst ist wie ein Schwarzes Loch im All. Es lähmt. Es verschlingt alle Materie. Kein Licht schafft es hinaus und kann Klarheit bringen. Wir wissen, dass es Schwarze Löcher gibt, weil die Astrophysik einen Ereignishorizont festgestellt hat: In einem bestimmten Radius um das Schwarze Loch herum, verändern sich die Gesetzmäßigkeiten. In diesem Ereignishorizont spielen Anastasiia Kosodiis Werke und bewegen sich ihre Figuren:
Wenn sie auf Zeitreise gehen auf ihrer Suche nach dem Ereignis, das den russischen Krieg gegen die Ukraine ausgelöst hat.
Wenn sie Gebete sprechen mit Lichtschutzfaktor 50; also Gebete gegen schnelles Altern und als Schutz vor der Sonne.
Wenn sie Raketen beobachten, die nicht mehr Richtung Kijyw, Odessa oder Charkiw fliegen, sondern nach Berlin.
Wenn der Künstler bei der Exhumierung der Leichen nach der Befreiung von Butscha hilft und sagt:
„nachts … höre ich manchmal Geräusche ich habe keine Angst das sind unsere Toten sollen sie kommen sie sind so schrecklich gestorben wenigstens ich spreche mit ihnen.“
Figuren, die bei Anastasiia Kosodii Raum für ihre Geschichten bekommen, offenbaren sich häufig als Gespenster. Sie sitzen neben den Lebenden auf einer Parkbank und reichen ihnen eine Flasche Krimsekt und fragen: „also worüber wolltest du sprechen?“
Vermutlich ist es albern, in Anastasiia Kosodiis Texten nach ihr selbst zu suchen. Aber so oft ich dieses Stück, „Wie man mit Toten spricht“, auch lese, sehe und höre, immerzu denke ich: Das ist sie, das ist Nastiia. Sie weiß, wie man mit Toten spricht. Und ihre Stücke, die Schiffe, nehmen selten einen vorgeschriebenen Kurs. Wir wissen es ja: Der Kompass ist defekt, wer mitfährt muss sich an der Sonne und den Sternen orientieren. Aber in „Timetraveller´s Guide to Donbass“ lernen wir: „So werden die Menschen erwachsen. Indem sie sich verirren.“
Danke, Nastiia, dass wir gemeinsam erwachsen werden dürfen. Wenn wir schon auf Irrfahrten gehen müssen, dann will ich es mit dir und deinen Figuren tun.
Mazel tov zum Walter Mossmann Preis 2026!
Sasha Marianna Salzmann