„Politisches Theater“
zur Verleihung des Walter Mossmann-Preis 2026
von Katrina Mäntele
Als Didi Danquart mich fragt, ob ich über politisches Theater sprechen möchte, hatte ich sofort einen ganzen Bienenschwarm im Kopf. Durcheinanderfliegende Fragen:
Was ist politisches Theater?
Und ganz grundsätzlich: Kann Theater unpolitisch sein?
Hannah Arendt schreibt:
„Politik beruht auf der Tatsache der Pluralität der Menschen.“
Das heißt Politik beginnt mit Differenz - und damit im Moment unseres menschlichen Seins.
Oder anders gesagt: Immer dann, wenn Menschen aufeinandertreffen, entsteht Politik.
Wie also kann Theater – als kollektive Kunstform, als Kunst die Gemeinschaft stiftetet - unpolitisch sein?
Und vielleicht verschiebt sich von hier aus die Frage:
In einer Gegenwart, in der der Druck zur Vereinzelung wächst,
in der Komplexität zugunsten von Eindeutigkeit reduziert wird,
in der der Wunsch nach Vereinheitlichung wieder lauter wird —
Geht es dann, im politischen Theater nicht genau darum
Vielfalt zu zeigen, zu behaupten, zu schützen und zu verteidigen?!
Wenn Pluralität die Voraussetzung ist,
dann ist das Theater vielleicht ein Resonanzraum.
Und die Geschichten, die wir erzählen sind das,
was in diesem Raum zu schwingen beginnt.
Nicht als Echo der Wirklichkeit,
sondern als Verdichtung.
Und genau hier beginnt die Frage nach der Erzählung:
Was erzählen wir?
Welche Perspektiven nehmen wir ein?
Welche Stimmen machen wir hörbar?
Politisches Theater oder auch politisches Erzählen ist verortet in der Gegenwart. Es kann Gegenwart „herauslesen“ oder „einschreiben“.
Im Umgang mit Klassikern zeigt sich politisches Theater im „Herauslesen“ von Gegenwart aus alten Erzählungen.
Erzählungen, die wir zu kennen glauben, werden auf der Folie der Gegenwart anders lesbar und erfahrbar gemacht: Neue Perspektiven werden eingenommen, um verborgene Konflikte aufzudecken. Es entsteht Reibung.
Reibung…
zwischen Vergangenheit und Gegenwart,
zwischen Text und Zeit,
zwischen Erwartung und Erfahrung.
In der neuen Dramatik zeigt sich politisches Theater durch das „Einschreiben“ von Gegenwart in neue Erzählungen.
Neue Dramatik bildet die Gegenwart nicht einfach nur ab. Neue Dramatik versucht nicht, „die Welt“ auf die Bühne zu bringen, wie sie ist, sondern versucht „die Welt“ in diesen Resonanzraum zu übersetzen.
Zu verschieben.
Zu konzentrieren.
Zu befragen.
Autor*innen wie Anastasiia Kosodii arbeiten genau in diesem Spannungsfeld.
Sie schreiben nicht über die Gegenwart,
sondern aus ihr heraus – als etwas, das noch nicht abgeschlossen ist.
Ihr Schreiben ist dabei oft seismografisch:
Es nimmt Erschütterungen wahr, bevor sie eindeutig lesbar werden.
Es registriert Spannungen, bevor sie sich in Begriffe fassen lassen.
Und manchmal muss dieses Schreiben - wie im Falle von Anastasiia Kosodii - auch für das Unsagbare eine Sprache finden.
Vielleicht ist das die eigentliche Stärke des politischen Theaters:
Dass es uns nicht sagt, was wir denken sollen.
Sondern uns in die Lage versetzt, überhaupt wieder zu denken –
gemeinsam und vielstimmig.
Und vielleicht ist das heute radikaler, als es zunächst klingt.