Geistergeschichten

von Anastasiia Kosodii

Übersetzung aus dem Englischen: Katja Meintel

 

Bei allen Berliner Partygesprächen geht es neuerdings um Krieg. Das Problem mit dem Thema ist, dass man damit nur schwer eine Diskussion am Laufen halten kann, wenn man selbst den Krieg noch nicht von innen erlebt hat. Ein Aberglaube schleicht sich ein: Als könnte uns der Krieg, wenn er zu oft erwähnt wird, hören und seine Schritte beschleunigen.

In der Wohnung meiner deutschen Freundin gibt es einen neuen Gegenstand – ein Geschenk ihrer schon älteren Mutter: ein kleines Radio, das gleichzeitig als Taschenlampe dient; es lässt sich manuell aufladen, indem man eine Weile an der Kurbel dreht. „Ein hübsches Geschenk, und nützlich“, bemerken die Gäste bei Tisch.

Sie versuchen, das Radio anzubekommen: Das Ende der Abendnachrichten ist zu hören, gefolgt von einem Popsong.

„Wenn man den Knopf für die Taschenlampe gedrückt hält, geht ein Alarm los“, erklärt meine Freundin. „Aber lass das lieber – letztes Mal habe ich ihn fast nicht mehr ausgekriegt.“

Die Umstände, unter denen ein solches Gerät nützlich wäre, verleiten nicht zum Diskutieren. Also reden wir über Geister.

Das ist ein neues Projekt, das ich für mich selbst entworfen habe – Geistergeschichten. Ich sammle sie. Für ein Theaterstück. Ob Sie es glauben oder nicht: Jeder, mit dem ich gesprochen habe, kennt wenigstens eine. Ich sammle sie, später will ich daraus ein Stück schreiben. Vielleicht werde ich es sogar selbst inszenieren. Es ist ein gutes Motiv: Die Schauspieler haben etwas zu spielen, das Publikum etwas zum Anschauen. Der Titel verschreckt niemanden. Die Beschreibung wird poetisch und leicht ironisch.

Ich bin mit der Recherche noch nicht fertig. Aber drei gute Geistergeschichten habe ich schon – und die erzähle ich Ihnen heute. Die Geister darin sind optional.

*

Erste Geschichte: Von Bahnsignalen

Es war eine kleine Stadt – gerade mal siebentausend Einwohner. Eine Grenzregion zwischen der Tschechischen Republik und Polen, eine merkwürdige Grenze mitten in Osteuropa. Ich kam Anfang des Monats mit dem späten Abendbus und sollte am Monatsende auf demselben Weg wieder zurück: eine Literaturresidenz eben.

„In jedem Haus hier gibt es einen Geist“, erklärte mir eine Kollegin am Tag meiner Ankunft. „Das hier sind die früheren Sudetengebiete.“

Draußen vor dem Fenster hing zäh die Oktoberdunkelheit, dann und wann unterbrochen von den Rufen der Jugendlichen aus dem Ort. „In jedem Haus?“, fragte ich.

„Nun ja, Freunde von mir haben vor einiger Zeit ein Haus gekauft, mit einem Schuppen daneben. Und jedes Mal, wenn sie in den Schuppen gingen, sahen sie da ein kleines Mädchen“, sagte meine Kollegin. Und ergänzte: „Das Sudetenland – nach dem Zweiten Weltkrieg … Sie wissen schon.“

„Und haben Ihre Freunde versucht, mit dem kleinen Mädchen zu sprechen?“, fragte ich.

„Nein“, erwiderte die Kollegin. „Sie haben den Schuppen abgerissen.“

In dem Moment müssen mir die Gesichtszüge ein wenig verrutscht sein, jedenfalls fuhr sie fort: „Keine Sorge – in Ihrer Wohnung, die wir Ihnen für den Aufenthalt diesen Monat bereitgestellt haben, ist alles in Ordnung. Wirklich. Kein Sudetenland hier.“

Die erste Hälfte des Monats verging ohne Störung: Die Organisatoren waren mit meinem Honorar im Rückstand, alle paar Tage ging ich zu einem der beiden Supermärkte in der Stadt und suchte sorgfältig immer die billigsten Produkte aus, aber alles in allem fühlte ich mich gut und arbeitete an der Übersetzung, die ich zugesagt hatte. Der Text war zufällig auf Deutsch – vielleicht war es das, was mir den Rest gab.

Die letzte Oktoberwoche war angebrochen, die übrig gebliebenen Blätter fielen von den Bäumen, die Herbstwinde gewannen an Kraft und fuhren dröhnend durch die Kamine des Hauses, dessen Öfen man bei einer früheren Renovierung ausgebaut hatte. Und dann, so schien es, kam in den Bahnhof nebenan – in den Bahnhof, der seit einigen Jahren wegen Umbau geschlossen war – neues Leben.

Es war drei Uhr morgens während jener letzten Woche, als vom Bahnhof her plötzlich ein Signalhorn erscholl – lang und traurig. Unablässig tönte es durch die Stadt, schnitt durch die Kunststofffenster, dass man wach im Bett lag und horchte und nichts verstand.

Ein paar Monate später bereitete ich ein Theaterstück über die Charkiwer Eisenbahn vor: Die Schauspieler hatten Erfahrung im Bereich Bewegungstheater und Improvisation und brauchten nicht viel Text – eher eine Art Partitur. Wir machten uns vertraut mit den internen Regeln, Zeichen, Ritualen und abergläubischen Vorstellungen bei der ukrainischen Eisenbahn und diskutierten darüber. Eines dieser Rituale war das lang anhaltende Signalhorn: Es ertönt, wenn ein Bahnarbeiter stirbt.

Früher war es sehr selten zu hören. Heute – häufiger.

*

Zweite Geschichte: Von ukrainischen Trinksitten

„Manchmal“, so erzählte mir eine Freundin, „manchmal sehe ich auf der Straße vertraute Menschen – ein paar Wochen, nachdem sie gestorben sind. Ich gehe durch eine Menschenmenge, und plötzlich sehe ich das Gesicht eines Bekannten. Angesprochen habe ich allerdings keinen von ihnen.“

Es ist die Pflicht eines Schriftstellers, sich selbst auch in unvorteilhaftem Licht wahrheitsgetreu darzustellen. Genau das muss ich jetzt tun und eingestehen: Ich war neidisch.

Es war 2021, ebenfalls im Oktober. In der westukrainischen Stadt Lwiw schlossen die Bars früh – allerdings noch nicht wegen einer Ausgangssperre, sondern einfach, um die Ausbreitung des Coronavirus zu bremsen.

Früh – also wann genau? Um acht, neun Uhr? Auf jeden Fall waren wir frustriert, und auf jeden Fall verlangte unser Abend nach einer Fortsetzung. Daher gingen wir mit einer Flasche Cognac und einem Kilo Walnüssen zur Dominikanerkirche.

Es war niemand auf der Straße – außer uns fünfen und der massiven Barock So schien es zumindest, aber plötzlich stand da ein Mönch vor uns, der offenbar aus einer Seitenpforte getreten war, und bat uns, hier nicht zu trinken, schließlich sei dies ein Ort Gottes.

„Wir trinken aber doch auf Gott“, erklärte Oleh, und der Mönch erhob keine weiteren Einwände, gesellte sich allerdings auch nicht zu uns. Ehrlich gesagt, tranken wir nicht auf Gott, sondern auf uns.

„Auf den anderen trinken“ ist eine alte ukrainische Tradition, die daher rührt, dass man nicht genug Trinkgefäße für alle hatte. Alkohol wird in einem einzigen Becher ausgeschenkt – oder gleich in der Flasche gelassen, wie wir es auch mit unserem Cognac taten – und dann herumgereicht; jeder nimmt einen Schluck und sagt zum Nächsten in der Runde: „Ich trinke auf dich.“ Die Person, die den Trunk erhält – wie Oleh, als er die Flasche von mir entgegennahm –, antwortet: „Trink und bleib gesund.“

Ein Jahr später wurde Oleh zu einer Mörsereinheit eingezogen.

Die Dominikanerkirche in Lwiw ist Schauplatz zahlreicher Hochzeiten und Taufen, und mitunter auch Abschieden. Jeden Tag kommen Scharen von Touristen hierher, und in Scharen stehen sie vor der Kirche. Jedes Mal, wenn ich meinen Körper in diese Menschenmenge hineinbugsiere, denke ich: Wenn meine Chancen statistisch gesehen irgendwo auf der Welt gut stehen sollten, dann vielleicht hier?

Womöglich liegt das Problem in der zeitlichen Dimension. Der 13. Juni 2023 ist gut zwei Wochen her. Als ich die Nachricht bekam, war ich in Berlin. Und in keiner der Menschenmengen dort habe ich ein vertrautes Gesicht entdeckt.

*

Die letzte Geschichte: Von Süßkirschen

Ich war mir sicher, dass ich mich an die Straße erinnerte – ich konnte noch immer die Augen schließen und sie im Kopf nachzeichnen.

Als ich im Dorf ankam, stellte sich heraus, dass ich alles vergessen hatte. Die Nacht brach an. Mein Freund fuhr einen tiefergelegten Wagen, der mehr für asphaltierte Stadtstraßen als für ländliche Feldwege gemacht war, und wurde langsam sichtlich nervös. Was auch daran liegen mochte, dass wir vor circa zwanzig Kilometern beinahe von der Fahrbahn abgekommen wären, nachdem wir auf der Straße ein Knäuel Schlangen entdeckt hatten.

Unser Programm war simpel: drei Flaschen Gin, fünf Flaschen Schweppes, eingelegtes Fleisch, Chips, zwei Zelte, vier Freunde und das Dorf, in dem ich zwischen sechs und sechzehn Jahren jeden Sommer verbracht hatte. Jetzt war ich sechsundzwanzig, und ich erinnerte mich an nichts.

Wir riefen meinen Onkel an, der in der Nähe lebte. Er kam in einem schwarzen Wolga und fuhr uns auf den dunklen Dorfstraßen voraus.

„Vielleicht wollt ihr zum Übernachten doch lieber zu uns kommen?“, fragte er, als wir endlich anlangten und aus dem Auto stiegen. „Hier ist doch nichts. Das Haus ist … leer.“

„Wir haben ja Zelte!“

Mein Onkel zuckte die Schultern und fuhr wieder ab. Es war früher Sommer. Wir trugen die Zelte in den überwucherten Gemüsegarten, zündeten ein Feuer an und tranken die erste Runde Gin. Es wurde ein bisschen fröhlicher.

„Kommt, wir suchen einen Kirschbaum!“, rief ich.

Der ukrainische Südwesten und der Süßkirschbaum sind auf fragile Art miteinander verbunden. In diesem Steppenklima mit seinen sengenden Winden trägt der Baum auch dann noch reichlich Früchte, wenn Frühlingshagel auf ihn einprasselt und er von Vögeln gerupft wird, die verrückt werden vor Sorge, ihren frisch geschlüpften Nachwuchs satt zu bekommen.

Süßkirschen sind oft wurmstichig, aber das schadet ihnen nicht. Man muss sie nur in Salzwasser einweichen, damit die Würmer herauskommen. Oder man kann beschließen, keine Zeit zu verschwenden, und sie einfach so essen – eine „Extraportion Protein“ nennt mein Vater das.

Ich erinnerte mich ganz deutlich an die Süßkirsche vorn am Eingang unseres Gartens. Als Kind hatte ich oft auf ihren Ästen gesessen. Und als Teenager ihren Stamm gekalkt. Plötzlich erschien es uns absolut notwendig, sie zu finden – und so liefen wir los.

Später erfuhr ich von meiner Großmutter, dass der Baum ein paar Jahre zuvor gefällt worden war – das hätte ich wissen können, wenn ich häufiger ins Dorf gegangen wäre. Aber es fiel mir schwer, mich schuldig zu fühlen: Damals war ich Anfang zwanzig, meine Großmutter wurde gebrechlich und verließ die Stadt nicht mehr. 2022 wurde das Dorf besetzt. Im September desselben Jahres starb meine Großmutter.

Einen Monat später reiften an den Trieben, die aus der alten Süßkirsche gesprossen waren, Früchte. Ich stelle mir die Hände russischer Soldaten vor, die sie pflücken werden. Sie in den Mund stecken. Ein paar Steine schlucken werden. Ich frage mich, ob diese Steine später in ihren Körpern sprießen werden. Ich frage mich, ob das physisch überhaupt möglich ist.

Eines Tages werde ich zurückkehren müssen – es war der Wunsch meiner Großmutter, auf dem Dorffriedhof begraben zu werden; ihre Asche wartet noch immer auf einem Regal im Schlafzimmer. Das wird nicht schwierig. Ich schließe die Augen und sehe die Straße vor mir.

ENDE

29/04/2026 © A. Kosodii

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